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Sonntag, 12. Oktober 2008

Schwarzkäppchen

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hieß Piroschka, vor der hatten alle große Achtung, da sie einem genau erzählen wusste, was sie später einmal werden wollte. Vor allem Ihre Großmutter war angetan von der Verlässlichkeit, ihrem adretten Kleidungsstil und ihrer Genauigkeit. Und weil sie im Heranwachsen nur von ihren Berufswünschen und der Notwendigkeit eines stabilen Wirtschaftsstandortes in ihrem Heimatland sprach, nannten sie bald alle Schwarzkäppchen. Natürlich lag diese ihre Einstellung auch an der Art der Erziehung die Piroschka im Elternhaus genossen hatte. Die Mutter war sehr stolz auf ihre Tochter und fühlte sich in ihrer strengen Erziehung bestätigt, als Schwarzkäppchen nach ihrem BWL Studium einen zukunftssicheren Job mit Führungsverantwortung bei der Raiffeisenkasse bekam. Am Tag bevor Piroschka ihren Dienst antrat nahmen Mutter und Tochter ein gemeinsames Abendessen ein. Wahrscheinlich das einzige für längere Zeit da das junge Bonzenmädl sich eine Garçonnière in Arbeitsplatznähe verschafft hatte und sich vornahm in der ersten Zeit ihrer Arbeit von jeglichen privaten Verpflichtungen fern zu bleiben. Die Mutter lies sich die eine Gelegenheit nicht nehmen um ihre Ermahnungen zur Genüge kund zu tun. Sie solle doch ihre Gefühle für sich behalten. Das Leben sei hart und sie mache es der Welt nicht leichter wenn sie das auch noch emotional ihrem Umfeld mitteile. Stets möge sie doch zuerst auf sich selbst schauen. Schließlich ist es ihr eigenes Leben und um das zu sichern, hat sie nicht viel davon, wenn sie sich für andere opfere. Sie solle ruhig in der ersten Zeit sich vor allem nicht um die Großmutter kümmern, da der Umgang mit ihr ja dermaßen zeitaufwendig, ermüdend und anstrengend sei.

Die Arbeit erfüllte Piroschka in vollen Zügen. Sie dachte in der ersten Zeit nicht eine Sekunde an Ihre Großmutter. Eines Tages kam der Geschäftsleiter der Filiale zu Schwarzkäppchen und machte sie darauf aufmerksam, dass sie jetzt schon nahezu 3 Monate hier arbeite jedoch noch keiner ihrer Familienangehörigen zumindest einen Bausparvertrag hier habe. Sie solle doch schnellsten daran was ändern. Ihre Existenz gefährdet sehend, machte sich die Dirne auf den Weg zu ihrer Großmutter. In ihrer rechten Hand ein Plastiksackerl voller Werbegeschenke und die vorbereiteten Verträge in der Linken einen Gabelbissen für die Großmutter als Wegwort. Es war natürlich eine Leichtigkeit der Alten eine Unterschrift aus ihren Fingern zu kitzeln, da diese ohnehin schon senil und mit einem Fuß im Jenseits stehend, gar keinen Schimmer hatte was Piroschka da von ihr wollte, jedoch in ihrer Freude sie wieder zu sehen einfach tat was sie sagte.

Es dauerte nicht lange und eine große Finanzkrise erschütterte die Welt. Anfangs versicherte man noch dem Kleinbürgertum es werde keinerlei Verluste für sie nach sich ziehen. Jedoch die Zeit zeigte, dass dem nicht so ist und die Leute wurden arbeitslos, Banken, Industrie und Dienstleistungen verstaatlicht. Ein Militärputsch der Regierung lies dann noch den Letzten, der seinen Job sichern konnte beschäftigungslos nach Hause gehen. Da Schwarzkäppchen noch jung und wenig Berufsjahre vorweisen konnte, war sie eine der Ersten die abdanken mussten. Ihr ganzes Kapital und das ihrer Familie wurde mehr als wertlos. So hatten sie keine Aussichten auf bessere Zeiten. Aber eines hatten sie jetzt. Zeit für die Familie. Und wenn sie nicht gestorben sind dann hungern sie zwar aber schätzen es noch heute, dass sie zumindest sich gegenseitig in harten Zeiten beistehen und ihr Leid teilen können.

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